bildungsbausteine

Bildungsbausteine

Das G-MINT Projekt unterstützt angehende Lehrer_innen dabei, ein genderreflektierendes Professionsverständnis zu entwickeln. Die Vermittlung erfolgt über theoretische, praxisreflektierende und biografische Zugänge, die eine Erweiterung durch die Kooperation mit der zentralen Studienberatung, dem Zentrum für Lehrerbildung, der hochschuldidaktischen Arbeitstelle sowie der Fachdidaktik Informatik und Körperpflege erfahren.

Um dieses Ziel zu erreichen, werden regelmäßig Seminare mit folgenden Schwerpunktsetzungen angeboten:

Aktuelle Konzepte pädagogischer Genderkompetenz (vgl. Budde/Venth 2010) konvergieren dahingehend, dass der Aspekt (Gender-)Wissen für die Entwicklung einer geschlechterreflektierenden Lehrhaltung unabdingbar ist. Aus diesem Grund wird der Fokus des historisch-systematischen Zugangs auf die Erarbeitung und Reflexion theoretischer Analysekategorien der pädagogischen und interdisziplinären Geschlechterforschung gelegt, in denen Geschlecht als interdependente Kategorie (vgl. Walgenbach 2007) vermittelt wird. Dies bietet Studierenden Reflexionsmöglichkeiten, auch andere Weisen von Verschiedenheit als Ergebnis kultureller Konstruktionsprozesse zu betrachten und in ihren Handlungsoptionen zu berücksichtigen.

In den Lehrveranstaltungen wird insbesondere der Genese der Geschlechterforschung nachgegangen – von den frühen Frauenbewegungen, über den Feminismus, die Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung bis hin zu aktuellen Perspektiven der Gender und Queer Studies. Dabei werden entsprechende theoretische Ansätze vorgestellt und diskutiert. Über die Reflexion gendertheoretischer Konzepte soll die eigene Position und Situation in Bezug auf Geschlecht und Schule wahrgenommen und bearbeitbar werden. Ziel des historisch-systematischen Zugangs ist die Professionalisierung zukünftiger Lehrkräfte im Wissen um und im Umgang mit Geschlecht.

Der historisch-systematische Zugang wurde in den Jahren von 2011-2014 angeboten und konnte in der Projektphase III durch die KIVA-Gastprofessorin Astrid Messerschmidt verstetigt werden.

  • Budde, J./Venth, A. (2010): Genderkompetenz für lebenslanges Lernen. Bildungsprozesse geschlechterorientiert gestalten. Bielefeld: Bertelsmann.
  • Walgenbach, K. (2007): Gender als interdependente Kategorie. In: Walgenbach, K./Dietze, G./Hornscheidt, A./Palm, K. (Hrsg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen und Farmington Hills: Barbara Budrich: 23 – 64

Der Aspekt Können gilt bei der Entwicklung einer gendersensiblen Lehrhaltung als expliziter Anspruch, der verdeutlicht, dass die Dekonstruktion einengender Normen, nur in Verbindung mit methodischen und didaktischen Konzepten in der Praxis realisiert werden kann. Entgegen dem von Studierenden häufig erwarteten Werkzeugkoffer der guten Methoden (vgl. Winkler 2014), wird in den praxisreflektierenden Seminaren das Verhältnis von Theorie und Praxis in Bildungsprozessen thematisiert.

In den Lehrveranstaltungen werden wissenschaftliche Konzepte zum Theorie-Praxis-Verhältnis, zu gutem Unterricht und zu Begriffen wie doing gender oder Dramatisierung von Geschlecht bearbeitet. Auf der Grundlage der erarbeiteten Theorien werden anschließend transkribierte und videografierte Unterrichtssequenzen hinsichtlich geschlechtlicher Dramatisierungen untersucht und gemeinsam mit den Studierenden nach Konstruktionsmechanismen von Männlichkeiten und Weiblichkeiten sowie einschränkenden, ambivalenten und überschreitenden Momenten im Kontext Schule gefragt. Die Studierenden lernen dabei unterschiedliche methodische und didaktische Konzepte zur gendersensiblen Unterrichtsgestaltung kennen und reflektieren deren Umsetzungsmöglichkeit im Hinblick auf ihr jeweiliges Unterrichtsfach.

Ziel des praxisreflektierenden Zugangs ist die Reflexion von Anspruch und Wirklichkeit gendersensibler Ansätze und die Entwicklung einer genderreflektierten Lehrhaltung hinsichtlich schulischer Interaktionsprozesse.

  • Winkler, C. (2014): Das Projekt Gender-MINT – Verbesserung der Unterrichtsqualität in den MINT-Fächern. Professionalisierung als selbst-/reflexive Kompetenz. In: Eisenbraun, V. /Uhl, S. (Hrsg.): Geschlecht und Vielfalt in Schule und Lehrerbildung. Münster und New York: Waxmann: 59-74.

Die Reflektion biografischer Prozesse wird als Grundaspekt einer gendersensiblen Lehrhaltung begriffen (vgl. Kunert-Zier 2005) und steht in Verbindung zum Aspekt Wollen, der die persönliche Motivation, die berufliche Haltung und das Selbstverständnis als Professionelle_r meint (vgl. Budde/Venth 2010, S. 23). „Ziel biografischer Selbstreflexion ist eine verständnisvolle, wache Aufmerksamkeit gegenüber sich selbst. Sie meint nicht das Verbot von Projektionen, sondern das Ernstnehmen ihrer Existenz als Versuch einer selbstreflexiven Haltung“ (vgl. Graff 2008, S. 69).

Eine dekonstruktivistisch geprägte Biografiearbeit möchte durch das Erinnern und Erzählen spezifische Momente und Bedingungen der Sozialisation/Subjektivation erkennen und diese durch eine theoretische Rückbindung in ein Verhältnis zu aktuellen hegemonialen Geschlechterdiskursen setzen. Sie versucht den pädagogischen Blick darauf zu lenken, „wie wir von der sozialen Welt geformt werden – und zu welchem Preis“ (vgl. Butler 2007, S. 180). Der Schwerpunkt der Lehrveranstaltungen liegt dem folgend auf der Reflexion eigener geschlechtlicher und beruflicher Sozialisationsprozesse. Die Betrachtung und das Wissen um die eigene Geschichte eröffnen und erweitern dabei den (Gender-)Blick in die Gegenwart und können zugleich als Chance betrachtet werden, die Zukunft, sowohl die eigene als auch die künftiger Schüler_innen, gendersensibel und möglichst frei von Vorurteilen zu gestalten. Die Lehrveranstaltungen bieten die Möglichkeit, eigene Einstellungen, Vorurteile, Gendererfahrungen und unbewusst getätigte Zuschreibungen zu erkennen, zu reflektieren und zukünftig abzubauen.

Ziel des biografrischen Zugangs ist die Betrachtung und Reflexion der eigenen Biografie und die Entwicklung einer selbstreflexiven Lehrhaltung, die der Kategorie Geschlecht Rechnung trägt.

  • Budde, J./Venth, A. (2010): Genderkompetenz für lebenslanges Lernen. Bildungsprozesse geschlechterorientiert gestalten. Bielefeld: Bertelsmann.
  • Butler, J. (2007): Kritik der ethischen Gewalt. Adorno-Vorlesungen 2002. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Graff, U. (2008): Gut zu wissen! Biografische Selbstreflexion als Genderkompetenz. In: Böllert, K./Karsunky, S. (Hrsg.): Genderkompetenz in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: VS Springer.
  • Kunert-Zier, M. (2005): Erziehung der Geschlechter. Entwicklungen, Konzepte und Genderkompetenz in sozialpädagogischen Feldern. Wiesbaden: VS Springer.

Aktuelle Forschungen verdeutlichen, dass sich geschlechtliche Ordnungs- und Bewertungsmuster in (MINT-)Fachkulturen widerspiegeln (vgl. Willems 2010; Kampshoff 2012). Die Evaluationsergebnisse der Projektphase I zeigen in diesem Zusammenhang, dass für viele Studierende eine Diskrepanz zwischen der Gendersensibilisierung innerhalb der Grundwissenschaften und einer weitgehenden Marginalisierung der Gender-Problematik in den jeweiligen (MINT-) Fachdidaktiken besteht. Um diesen Diskrepanzen entgegenzuwirken und Studierende bei der Entwicklung einer gendersensiblen Lehrhaltung zu unterstützen, strebt das Gender-MINT Projekt interdisziplinäre Kooperationen mit den (MINT-) Fachdidaktiken der TU-Darmstadt an.

Die Verknüpfung der Genderthematik mit fachdidaktischen und methodischen Inhalten bietet den Studierenden dabei die Möglichkeit, fachspezifische und praxisrelevante Handlungsoptionen gendersensibel zu gestalten und in der Lehre zu erproben. Fachdidaktik und -methodik können in Verbindung mit einer reflektierten und gendersensiblen Lehrhaltung dazu beitragen, die Unterrichtsqualität in den MINT-Fächern zu steigern und in der Folge die Studien- und Berufswahloptionen zukünftiger Schüler_innen erweitern. Ein genderreflektiertes Professionsverständnis sollte von Studierenden dabei nicht additiv als zusätzliche Belastung oder optionale Qualifikation zur Fachkompetenz betrachtet werden, sondern als systematischer Bestandteil guten Unterrichts und fachspezifischer Lehrprofessionalität (vgl. Klenk 2014). Um dieses Ziel zu erreichen und Studierende des Lehramts bestmöglich auf ihre zukünftige Tätigkeit vorzubereiten, kooperiert das G-MINT Projekt seit Jahren mit verschiedenen Fachdidaktiken der TU Darmstadt.

Das G-MINT Projekt freut sich über weitere Kooperationsanfragen von Seiten der Fachdidaktiken und Fachwissenschaften.

Aktuelle Kooperationen:

  • Fachdidaktik Informatik (Dr. Jens Gallenbacher)
  • Fachdidaktik Körperpflege (Sylvia Weyrauch)

Vergangene Kooperationen:

  • Fachdidaktik Chemie (Dr. Markus Prechtl)
  • Fachdidaktik Politikwissenschaft (Dr. Bernt Gebauer)
  • Fachdidaktik Physik (Prof. Dr. Rudolf Feile)

Literatur:

  • Kampshoff, M./Wiepcke, C. (Hrsg.) (2012): Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik. Wiesbaden: VS Springer.
  • Klenk, F.C. (2014): Que(e)r durch die Fachkulturen. Perspektiven einer transdisziplinären Dekonstruktion von Geschlecht und Sexualität. In: Schmidt, F./Schondelmayer, A.C./Schröder, U.B. (Hrsg.): Selbstbestimmung und Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Lebenswirklichkeiten, Forschungsergebnisse und Bildungsbausteine. Wiesbaden: VS Springer, S. 287-302.
  • Willems, K. (2010): Fachkulturen und Geschlechterbeziehungen. In: Faulstich-Wieland, H. (Hrsg.): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. Weinheim/München: Juventa.