Vielfalt bildet!

Rassismuskritische Bildungsarbeit gemeinsam gestalten

Ziel des 2020 angelaufenen Projekts „Vielfalt bildet!“ ist es, angehende Bildungsmultiplikator*innen, Lehrer*innen und Pädagog*innen für Rassismus zu sensibilisieren. Hochschulen, als Bildungsinstitutionen mit einer Unterrepräsentation von People of Color und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte, haben als vergesellschaftete Institutionen Teil an der strukturellen Reproduktion von Rassismus und sozialer Ungleichheit. Gleichzeitig verfügen sie auch über das Potential, Diskursansätze zu liefern, die die vorhandenen sozioökonomischen Verhältnisse, Narrative und Vorurteilsstrukturen in Frage stellen.

In der Zusammenarbeit des Instituts für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik der TU Darmstadt mit

• den Migrant*innenselbstorganisationen Die Brücke e. V. und Roza e. V.,

• der Selbstorganisation Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. ,

• dem Verband deutscher Sinti und Roma – Landesverband Hessen,

• der Bildungsstätte Anne Frank und

• der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule Darmstadt

sollen Bildungsangebote entwickelt und erprobt werden, die auf unterschiedlichen Ebenen die pädagogische Auseinandersetzung mit Rassismus und diskriminierenden Strukturen ermöglichen. Hierdurch sollen zivilgesellschaftliche Selbstorganisationen in ihrer Expertise anerkannt und eine möglichst breite Zielgruppe erreicht werden. Wissenschaftliche Zugänge zum Thema Rassismus werden bewusst mit außeruniversitärer Bildungsarbeit verschränkt und die Hochschule als Bildungsort für vielfältige Perspektiven geöffnet.

Entsprechend der partizipativen Grundausrichtung spielt die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kooperationspartner*innen im Projekt „Vielfalt bildet!“ eine wesentliche Rolle. Die Bildungsstätte Anne Frank als außeruniversitäre Bildungseinrichtung sowie der Verband deutscher Sinti und Roma – Landesverband Hessen als Interessensvertretung der in Hessen lebenden Minderheit Sinti und Roma sind wichtige Akteur*innen in der gemeinsamen Arbeit an und mit Angeboten im Bereich von Rassismuskritik und ermöglichen ein breites Spektrum an thematischen Schwerpunkten und Bildungsformaten. Darüber hinaus sind mit den Vereinen Die Brücke e. V., Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. und Roza e. V. Akteur*innen am Projekt beteiligt, die sich mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten politisch für gesellschaftliche Teilhabe und gegen Diskriminierung engagieren. Die Zusammenarbeit mit der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule, welche als Lernfeld für angehende Pädagog*innen dient, ermöglicht es indes, die thematischen Projektschwerpunkte auch an Berufsschüler*innen und Lehrpersonen heranzutragen. Hierdurch können wechselseitig – oftmals versteckte und unbewusste – Diskriminierungsabläufe in den eigenen Institutionen (Schule/Hochschule) offengelegt und Ansatzpunkte für Veränderung aufgezeigt werden.

Anliegen des Projekts ist es, gemeinsam mit den Kooperationspartner*innen rassismuskritische Bildungsangebote innerhalb und außerhalb der Hochschule Bildungsangebote zu gestalten und durch unterschiedliche Konzepte und Formate sowohl die Universität für zivilgesellschaftliche Akteur*innen zu öffnen als auch den Aktionsradius der Universität in die Gesellschaft zu erweitern. Dies geschieht mit dem Ziel, rassistische Strukturen in der gesamten Gesellschaft und insbesondere in den Bildungseinrichtungen abzubauen.

Multiplikator*innen in der Bildungsarbeit mit Kindern, Jugendlichen und/oder Erwachsenen tragen in zentralen Bildungseinrichtungen entscheidend zu einer Erhaltung dominanter Wissensbestände bei. Rassistische, aber auch heteronormative Strukturen sind fester Bestandteil vorhandener Wissensordnungen in Bezug auf (Nicht-)Zugehörigkeit und gestalten sowohl Bildungsinstitutionen wie die Schule als auch außerschulische Bildungseinrichtungen wesentlich mit. Dabei wirkt implizites Wissen über ,Andere‘ einerseits in curricularen Bildungsinhalten, andererseits aber auch in alltäglichen Abläufen und Routinen von Bildungsinstitutionen (vgl. Broden/Mecheril 2010; Gomolla/Radtke 2007), und zwar aufgrund deren Funktion als ,Wissensvermittlerin‘ besonders tiefgreifend. Aktuelle Forschungsergebnisse zu Sichtweisen von Pädagog*innen im Hinblick auf das Thema Migration machen deutlich, dass ein reflexiver und diskriminierungskritischer Umgang und die dafür notwendige Auseinandersetzung noch lange keine Normalität oder ein fester Bestandteil in der Profession sowie der (universitären) Bildung ist (vgl. Doğmuş/Karakaşoğlu/Mecheril 2016; Leiprecht/Steinbach 2015).

Insbesondere in der Schule dominiert noch häufig ein defizitorientierter Blick auf Migration, der erheblichen Einfluss sowohl auf die Erwartungshaltung gegenüber Schüler*innen und Eltern als auch die Urteilsbildung von Lehrpersonen hat. Gleichzeitig zeigt sich, dass auch Hochschullehre nicht frei von (unbewussten) rassistischen Unterscheidungsmustern ist, wodurch diese zusätzlich zu einer ungleichen Verteilung von Bildungschancen zwischen Studierenden beitragen kann. Zuschreibungen an Lernende aufgrund von Hautfarbe, religiöser und kultureller Zugehörigkeit, nationaler Herkunft u. ä. gehen oftmals Hand in Hand mit abwertenden Vor- und Unterstellungen sowie Bewertungen hinsichtlich ihres Sozialverhaltens, ihrer Leistungsfähigkeit und generellen Prognosen über ,Können‘ und Potenziale.

Broden, Anne/Mecheril, Paul (Hrsg.): Rassismus bildet. Bildungswissenschaftliche Beiträge zur Normalisierung und Subjektivierung in der Migrationsgesellschaft. Bielefeld 2010.

Doğmuş, Aysun/Karakaşoğlu, Yasemin/Mecheril, Paul (Hrsg.): Pädagogisches Können in der Migrationsgesellschaft. Wiesbaden 2016.

Gomolla, Mechthild/Radtke, Frank-Olaf: Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Wiesbaden 2007.

Steinbach, Anja/Leiprecht, Rudolf (Hrsg.): Schule in der Migrationsgesellschaft. Ein Handbuch. Bd. 1: Grundlagen – Differenzlinien – Fachdidaktiken. Schwalbach/Ts. 2015.

Das Projekt „Vielfalt bildet!“ konzipiert regelmäßig verschiedene Formate für Bildungsveranstaltungen.

Hierzu arbeitet das Praxislabor des Instituts für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik immer mit mindestens einer am Projekt beteiligten Kooperationsinstanz zusammen. Unter anderem werden Seminare für die pädagogischen Hauptfachstudiengänge und Lehramtsstudiengänge der TU gemeinsam vorbereitet und entsprechende Lehraufträge vergeben.

Die Lehraufträge selbst werden durch das zentrale QSL-Projekt „Heterogenität als Qualitätsherausforderung in der Lehramtsausbildung“ finanziert.

  • Aleksandra Piotrowska, M. A.: „Sprache – Macht – Rassismus“ – in Kooperation mit Die Brücke e. V.
  • Tom Uhlig, M. Sc.: „Bildunsgarbeit gegen Antisemitismus“ – in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank

Aygün, Derman/Zitzelsberger, Olga: Bildung in der Migrationsgesellschaft: Wie kann egalitäre Differenz im schulischen Kontext gelingen? Vortrag am Schuldorf Bergstraße am 26.02.2020 in Seeheim-Jugenheim.

Die Migrant*innenselbstorganisationen (MSO) Roza e.V. und Die Brücke e.V. aus Darmstadt sind seit Januar Kooperationspartner*innen unseres partizipativen Bildungsprojekts. „Roza“ ist ein kurdischer Verein und versteht sich feministische Organisation, die sich für die Gleichstellung von Frauen* insbesondere vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Mehrfachdiskriminierung von Migrant*innen einsetzt. „Die Brücke“ leistet als deutsch-polnischer Verein einen wichtigen Beitrag zur Kinder- und Jugendarbeit in Darmstadt und befasst sich hier u. a. mit der Unterstützung von Mehrsprachigkeit in Familien.

Hier geben beide Vereine einen Einblick ihre Geschichte und Arbeit: Wie sind die MSO entstanden? Was genau machen MSO und welche Herausforderungen begegnen den Mitgliedern in der Vereinsarbeit? Ein (Video-)Gespräch von Tatjana Kasatschenko mit den beiden Vertreterinnen Döndu D. und Dorothea M.

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Wie weiß ist die Klimabewegung? Was steckt hinter der kritischen Formulierung „White days for Future?“ Was haben Klimaschutz, Umweltaktivismus und Nachhaltigkeitskonzepte mit dem Kolonialismus zu tun? Und inwieweit zeigen sich im aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs antimuslimische Tendenzen? Diese Fragen stehen derzeit zu recht verstärkt im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Wir beleuchten sie in einem Interview mit Asmaa El Maaroufi, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster.

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Ein Festival gegen Rassismus mit Diskussionen, Workshops, Musik, Vorträgen und Ausstellungen – das ist die eigentliche Idee des alljährlichen Festival contre le racisme. In diesem Jahr findet das Festival unter besonderen Umständen z. T. digital statt und macht dabei die äußeren Rahmenbedingungen der Corona-Pandemie auch zum inhaltlichen Programm. Denn mit der Pandemie wurden Rassismus und Diskriminierung nochmal sichtbarer: Asiatisch gelesene Menschen werden angegriffen und ausgegrenzt. Die Ländergrenzen wurden geschlossen, katastrophale Zustände für Geflüchtete wie in Moria machen sprachlos. Auch der Anschlag von Hanau im Februar 2020 hallt immer noch nach, die Opfer sollen nicht vergessen werden.

Das Festival contre le racisme will vom 15.-20. Juni 2020 diese Themen aufgreifen, sichtbar machen und für Zivilcourage motivieren. Unser Projekt ist mit einem Webinar (Tom Uhlig, Bildungsstätte Anne Franmk/ Roza Frauenverein) zum Thema Verschwörungstheorien dabei. Zum vollständigen Programm: https://www.facebook.com/FclrDA

Vom 15. bis zum 20.Juni 2020 findet die Queere Woche der TU Darmstadt erstmals digital statt. Auch das Projekt Vielfalt bildet! beteiligt sich an dem Projekt: Am Dienstag, den 16. Juni von 11:40-13:20 Uhr erörtert der feministische Streik Darmstadt gemeinsam mit dem Projekt Vielfalt bildet! sowie dem Roza Frauenverein das Thema Feminizid als Streikgrund. Und am Donnerstag, den 18. Juni 2020 von 14:25-16:25 Uhr gehen Malte Clausen (Verband Deutscher Sinti und Roma Landesverband Hessen) und Tom Uhlig (Bildungsstätte Anne Frank) der Frage Antisemitismus und Antiziganismus: Was hat das mit uns zu tun? nach. Das vollständige Programm sowie die Links für die Veranstaltungen finden Sie hier.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e. V. steht seit über drei Jahrzehnten für Black Empowerment im Bereich Politik, Kultur und Bildung. Wie es zur Gründung und Entstehung der ISD kam, was die ISD macht und warum auch angehende Lehrer*innen eine wichtige Zielgruppe sind: Darüber berichtet unsere Kooperationspartnerin Siraad Wiedenroth, Mitglied im Vorstand der ISD, in einem Kurzgespräch mit Tatjana Kasatschenko.

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Kooperationspartner*innen im Gespräch Teil 1: Video-Interview zum Thema Antisemitismus und Antiziganismus

Wie verbreitet sind Antisemitismus und Antiziganismus in der gegenwärtigen Gesellschaft? Welche Rolle spielt die Differenzkategorie Geschlecht in antisemitischen und antiziganistischen Konstruktionen? Und warum sind – nicht nur, aber auch – angehende Lehrer*innen eine wichtige Zielgruppe bei der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Antiziganismus?

Tatjana Kasatschenko führte ein (Video-)Gespräch mit unseren Kooperationspartnern Malte Clausen (Verband deutscher Sinti und Roma – Landesverband Hessen) und Tom David Uhlig (Bildungsstätte Anne Frank) über Vergangenheit und Gegenwart von Antisemitismus, Antiziganismus und ihren Verschränkungen.

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Für den 11.05.2020 hatten wir unsere Kick-Off-Veranstaltung im Justus-Liebig-Haus Darmstadt angesetzt. Aufgrund der aktuellen Entwickungen um den Corona-Virus SARS-CoV2 müssen wir diese nun leider auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschieben. Wir werden aus der Not eine Tugend machen und freuen uns jetzt auf eine „Late Kick Off“ in der zweiten Jahreshälfte, in der wir dann nicht nur unser Projekt vorstellen, sondern auch einen ersten Rückblick auf gesammelte Projekterfahrungen werfen können. Bleibt gesund!

Es ist soweit: Zum 01.01.2020 ist „Vielfalt bildet!“ im Rahmen des Bundesförderprogramms „Demokratie leben!“ offiziell angelaufen! Wir starten als partizipatives Bildungsprojekt an der Schnittstelle von Universität, Zivilgesellschaft und außeruniversitärer Bildung und freuen uns, mit den Migrant*innenselbstorganisationen Die Brücke e. V. und Roza e. V., der Selbstorganisation Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. , dem Verband deutscher Sinti und Roma – Landesverband Hessen, der Bildungsstätte Anne Frank und der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule Darmstadt jede Menge fachliche Expertise und praktische Erfahungen mit an Bord zu haben. Am 16.01.2020 fand unser erstes gemeinsames Steuerungstreffen statt, in dem schon erste Ideen gesammelt und Konzepte entwickelt wurden. Wir sind gespannt auf die weitere Startphase!